Runic


<h1>Kapitel 1 : Am Ende</h1>

 

Regen. Schon seit Stunden regnete es. Passend zum Tag. Und doch war es faszinierend. Ja das war das richtige Wort dafür. Wie der Regen viel und auf eine Art unsichtbares Dach über dem Gedenkstein innehielt, nur um dann zur Seite abzulaufen. Als wenn ein Riese einen Regenschirm darüber aufhalten würde. Einfach faszinierend. Sie hatte sich oft mit ihrem Bruder in den alten Büchern verkrochen. Geschichten gelesen über Riesen und Magie, allerlei Fabelwesen, dunkle Kräfte und Liebe. Immer ging es um Liebe in diesen Büchern. Und wo ist die Liebe jetzt?

In einer kleinen Schachtel. Das ist alles was davon übrig geblieben ist.

Krematorien haben tatsächlich die Zeit überdauert. Wie so vieles. Und somit wurden die Toten nach wie vor eingeäschert um sie dann hier – an der Gedenkstätte – in ein anderes Leben zu übergeben.

Ein Leben nach diesem. Dieses Leben welches wir leben nach dem vorherigen und dem davor und dem davor. So ging es schon immer. Jede Generation geht einmal und hat bestimmt auch solche Gedanken. Was ist danach wirklich? Und wenn man es wüsste, würde man sich dann davor fürchten. Aber wahrscheinlicher ist es das es hier und jetzt am Schlimmsten ist.

„Hey Katy“, es ist soweit. Ihr Bruder hatte sie leicht angestoßen. Alle Augen waren auf sie gerichtet. Sie senkte den Blick und schaute wieder auf die kleine Pappschachtel. Billige einfach Pappe. Metalle sind zu wertvoll und der Prozess würde dann auch zu lange brauchen. Nicht das es sich nicht auch auflösen würde, aber in natürlichen Materialien ging es einfach schneller. Und der Regen war kalt. Doch was andere wollten interessierte sie nicht wirklich. Jedenfalls nicht jetzt. Vor ein paar Tagen hat er noch gelacht, ihr beim Lernen geholfen…und nun war ihr Vater nur noch ein häufchen Asche in eine Pappbox in ihren Händen.

Was genau passiert war, ist bislang nicht in Erfahrung gebracht worden. Der Suchtrupp der zur Mine ging kam nur mit ein paar Leichensäcken wieder, die meißten werden noch immer vermisst. Ein ganz normaler Tag, normale Arbeit und dann das Unglück. Und nun hatte sie nur noch ihren Bruder.

„Komm schon Jay“, sie zupfte ihrem kleinen Bruder am Ärmel.

Für seine 5 Jahre empfand sie ihn schon als äußerst groß, besonders heute. Er lief hoch aufgerichtet neben ihr her und gab sein bestes um tapfer auszusehen. Das gab ihr Mut. Sie mussten jetzt zusammenhalten. Jetzt hatten sie nur noch sich. Schritt um schritt legten die beiden Geschwister schweigend zurück.

Früher, so hat sie es irgendwo mal gelesen, wurden die Verstorbenen in Holzkisten gelegt und unter der Erde begraben. So etwas wäre heute undenkbar. Allein seid sie denken kann, wieviele es gewesen wären…dafür gab es einfach keinen Platz.

Alles war funktionell in dieser Welt. Kompakt, modern und teuer. Die Reichen konnten sich richtige Beisetzungen leisten. Mit einem Gleiter, der die Gedanken und Erinnerungen hinauf in den Himmel steigen ließen. Doch sie besaßen nicht viel und so musste es for den Standard reichen. Eine Bestattung in allen Ehren an der Denkmalsgrabstelle. Viele wurden hier beigesetzt, und nun war sie an der Reihe.

Sie blickte Jay an und er nickte nur stumm zurück. Sie waren nun direkt am Cyphiegol. Sie hobe die Hände und legte behutsam das kleine Schächtelchen auf den oberen Rand der Lichtsäule. Sie pulsierte gleichmäßig blau. Das Licht schien von Innen zu kommen, fast so als Lebe der Stein. Als wolle er sagen, ich lebe gebt mir eure Toten. Den hier werden auch sie ewig Leben. Sie wusste das das Licht von einem besonderen Mineral in dessen Mitte hervorgerufen wurde und durch ein unsichterbaren Zylinder in Form gehalten wurde. Oben fransten die Ränder aus.

Als sie sich der Kante näherte meinte sich zu sehen wieder das Pulsieren zunahm aber das war vermutlich dem weniger Schlaf geschuldet. Sie hatte viel geweint, immer wenn sie alleine war und Jay nicht in der Nähe. Nun war keine Zeit mehr für Tränen, nun musste sie stark sein, für sich und besonders für Jay. Sie legte den kleinen Pappkarton ab und wollte sie entfernen als eine Aret Funke übersprang. Es tat nicht weh, aber es nahm ihr kurz die Konzentration. Jemand flüssterte einen Namen, sehr nah bei ihr, sie schaute Jay an aber der schien mit seinem Blick und gedanken ganz woanders zu sein.

Bestimmt bin ich nur müde, dachte sie bei sich. Sie entfernte sich mit Jay einen schritt vom Obelisken. Das Kästchen schwebte träge dahin. An den Rändern verfärbte es sich bereits, fing an zu schwellen und schließlich fing es Feuer. Eine kleine Stichflamme und es brannte Lichterloh. Eigentlich ein beruhigender Anblick, obwohl sie das Feuer hasste.

Jay weckte sie aus ihrer Trance indem er an ihrem Ärmel fummelte. „Können wir jetzt nach Hause gehen ? Ich hab so einen Hunger“, maulte er rum.

„Ja Jay, wir gehen jetzt nach Hause“, antwortet sie leise.

Schweigend traten sie den Rückweg an, vorbei an den anderen Trauergästen. Die wenigsten davon kannte sie persönlich. Einige weniger Gesichter waren ihr vertraut. Sie steuerten auf die einzigen Menschen zu die ihnen noch nahe standen. Ihre Tante und ihrem Onkel. Hinter sich nahm sie das charakterrische zischen der letzten Flamme wahr. Leb wohl Vater, lebe ewig !

 

Der Weg nach Hause führte sie weg vom Platz der Seelen, raus auf die Strasse Richtung Stadt.